Während andere noch überlegen, ob etwas funktionieren könnte, hat sie meist schon angefangen. Nicht aus Leichtsinn, eher aus Instinkt. „Dann habe ich’s halt gemacht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern, als wäre genau das die selbstverständlichste Haltung der Welt.
Jahrgang 1965, geboren in Steglitz, aufgewachsen in Zehlendorf – eine echte Westberlinerin. Eine von denen, die ihre Stadt nicht erklären müssen, weil sie sie im Blut haben. Direkt, pragmatisch, herzlich, mit diesem trockenen Humor, der selbst große Lebensentscheidungen wie kleine Randnotizen klingen lässt.
Heute ist Caroline vor allem eines: eine feste Größe in Schöneberg. Genauer gesagt in der Maaßenstraße, zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz, nur ein paar Schritte vom Wochenmarkt entfernt. Dort betreibt sie ihr Fachgeschäft Körpernah Dessous & Bademode. Ein zweiter Laden liegt in Charlottenburg-Wilmersdorf in der Uhlandstraße. Doch ihr Herz, das merkt man schnell, schlägt eindeutig für Schöneberg.
Hier kennt man sich. Hier kommen Kundinnen nicht „mal eben shoppen“, sondern sagen schlicht: „Ich geh zu Caroline.“
Nach dem Abitur wollte sie eigentlich Modedesign studieren. Erst eine Schneiderlehre, dann die Hochschule. Doch der Lehrbetrieb ging pleite, bevor es richtig losging. Der Plan zerbröselte – und Caroline brauchte etwas, um die Zeit zu überbrücken.
Sie landete auf dem Winterfeldmarkt.
Strümpfe verkaufen. Strumpfhosen. „Strunze“, sagt sie und lacht. Nichts Glamouröses, eher bodenständig. Aber sie kannte das Geschäft: Ihre Oma hatte einen Strumpfhandel, sie half dort schon als Jugendliche aus.
Dann bekam sie ihren eigenen Stand. Mit 18.
„Eigentlich wollte ich das nur kurz machen“, sagt sie. „Aber es lief so gut, dass ich kleben geblieben bin.“
Aus dem Provisorium wurde Ernst. Aus einem Jahr wurden sechs.
Und während andere in dem Alter noch überlegen, was sie „mal werden wollen“, war Caroline längst mittendrin.
Mauerfall? Dann los.
Zwischendurch begann sie sogar noch ein Sportstudium auf Lehramt. Krafttraining, Aerobic, Jazz-Dance – Bewegung gehörte immer zu ihr. Doch dann fiel die Mauer. Und statt weiter zu studieren, tat sie das, was sie bis heute auszeichnet: reagieren. Sofort.
Lieferwagen, Anhänger, Ware rein.
Ein Stand unter den Linden. Einer am Alexanderplatz, direkt an der Weltzeituhr. Bald mehrere gleichzeitig.
Zwei Jahre arbeitete sie praktisch durch. Sechs Stände am Tag. Kaum Pause.
„Ich habe nie auf die Uhr geguckt“, sagt sie. „Wenn man etwas gerne macht, fühlt es sich nicht wie Arbeit an.“
Mit dem Geld eröffnete sie 1990 ihren ersten eigenen Laden. 25 Jahre alt. Ohne Partner. Ohne großes Sicherheitsnetz.
„Immer alleine“, sagt sie ruhig.
Es klingt nicht kämpferisch. Eher selbstverständlich.
Caroline spricht über BHs wie andere über Architektur: technisch präzise, aber mit Gefühl.
Über 130 Größen allein im Sortiment. Unterschiedliche Schnitte, Materialien, Marken. Ein Dschungel.
„In der Statistik sind es 85 Prozent“, sagt sie über Frauen, die die falsche Größe tragen. „Bei uns sind es eher 95, wenn sie das erste Mal kommen.“
Viele denken, Druckstellen, einschneidende Träger oder hochrutschende Rücken seien normal. Sind sie nicht.
„Das liegt fast immer an der fehlenden Beratung.“
Und genau da beginnt ihre Arbeit.
Eine Beratung dauert bei ihr oft eine dreiviertel Stunde. Manchmal länger. Maßnehmen, erklären, anprobieren, vergleichen. Ruhig, respektvoll, ohne Zeitdruck.
Nicht Verkauf – Handwerk.
Dazu kommen Änderungen, Reparaturen, Anpassungen. Eine Maßschneiderin hilft, wenn Standardgrößen nicht passen. Träger werden gekürzt, Schnitte verändert, Lösungen gesucht.
Fast wie früher.
„Viele kommen erst mit 60 oder 70 und merken zum ersten Mal, wie sich ein gut sitzender BH anfühlt“, sagt sie. „Das berührt mich jedes Mal.“
Weniger Fläche, mehr Nähe
Im Laufe der Jahre wuchs ihr Geschäft immer weiter. Mehr Läden, mehr Fläche, große Träume. In der Uhlandstraße führte sie zeitweise eines der größten Dessous-Fachgeschäfte Deutschlands.
Dann kam Corona.
Personal wurde knapp, Beratung schwieriger, die Zeiten rauer.
Caroline hätte durchhalten können. Stattdessen traf sie eine klare Entscheidung: bewusst verkleinern.
Zwei erwachsene Töchter, ein enger Freundeskreis, viel Natur als Ausgleich. In Sachsen hat sie sich ein Haus gekauft, fährt regelmäßig raus, wandert, paddelt über stille Seen. Stundenlang kein Mensch. Nur Ruhe.
Vielleicht braucht man das, wenn man sonst jeden Tag so vielen Geschichten begegnet.